Wenn die Ausnahmesituation die Regel ist

Ich weiß nie was der Tag so bringen wird, wenn ich morgens um halb acht mein Büro aufschließe. Als Sozialarbeiter, ausgebildeter Notfallseelsorger und Psychotherapeut bin ich als Leiter des Gesundheits- und Sozialmanagements bei der avitea GmbH beschäftigt.

Heute beginnt der Morgen wie jeder andere. Routine. E-Mails checken. Anrufbeantworter abhören. Es sind 3 Anrufe. Herr K. meldet sich und bittet um einen Termin. Die Rentenversicherung hat seinen Kurantrag abgelehnt. Er will wissen, wie er Widerspruch einlegen kann. Herr K. ist schwer geknickt und leidet an einer Depression. Ich fange die Situation kriseninterventiv auf und erkläre ihm seine Möglichkeiten kurz am Telefon. Termin in 4 Tagen.
Nachdem ich die beiden weiteren Anrufe bearbeitet habe, muss ich schon aufbrechen. Die drei Stressmanagement-Workshops für Azubis, die ich in den letzten Tagen vorbereitet habe, stehen nun auf dem Programm. 80 Azubis wollen heute Vormittag von mir wissen, was Stress ist, was er bewirken kann und was man dagegen tun kann. Gemeinsam werden Lösungen erarbeitet. Es ist wichtig, dass die jungen Leute schon früh wissen damit umzugehen. Der Stressbewältigung und der Suche nach dem Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben werden sie noch oft genug in ihrem Leben gegenüber stehen. Ende ist um 11:45Uhr, danach Rückfahrt in Büro.

Nach dem Mittagessen klingelt das Telefon. Ein Kunde bittet um eine außerordentliche „Hilfekonferenz“. Thema: Mobbing. „Ich habe hier einen Kollegen, der ist zusammen gebrochen. Er weint und ich muss in die nächste Besprechung. Können Sie kommen und sich um ihn kümmern?“ Natürlich mache ich mich auf den Weg: „Notfälle haben Vorrang“. Alle anderen Termine sage ich telefonisch ab – so schnell ist die Tagesplanung hinüber. Der Mann zittert und ist offensichtlich erschöpft, körperlich wie seelisch. Wir sprechen 1,5 Stunden miteinander, vereinbaren einen Folgetermin.

Um 14.15 Uhr klingelt mein Handy: „Herr Tröge, kommen Sie noch?“. Frau L. ist am Telefon, eine Mutter deren Sohn bei uns gearbeitet hat und der vor kurzem überraschend gestorben ist – Trauerarbeit. Ich bin auf dem Weg in die Sozialberatung. Ich muss kurz „runterfahren“ und verschnaufen. Zwischendurch schaut meine Kollegin zur Tür rein, redet kurz mit mir, was mir hilft und gibt mir die Info: „Da war ein Anruf von der Firma A. wegen des Gesundheitskonzepts ….“. Ja, prima, die wollen was für ihre Mitarbeiter tun und haben mich als Berater angefordert. Diesen Anruf erledige ich gleich aus dem Auto.

14.42 Uhr. Ich mach mich auf den Weg zu Frau L. und versuche mich bei Beethoven kurz zu entspannen und den Weg der Trauer dann mitzugehen. Ich überziehe die übliche Stunde, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und zu spät gekommen bin.

Um 16:50 Uhr komme ich wieder im Büro an. Durch die Notfälle ist meine Tagesplanung durcheinander geraten. Die To Do-Liste ist noch genauso lang wie am Morgen. Die heutigen Termine verschiebe ich auf die nächsten Tage bevor ich mich an das Gesundheitskonzept für die Firma A. setze. „Wie können wir die Work-Life-Balance unserer Mitarbeiter verbessern? Die Zufriedenheit soll unbedingt gesteigert werden. Außerdem gibt es noch Probleme mit hohen Krankheitsquoten.“ Alles Themen, die einen strategischen Aufbau des Gesundheitsmanagements erfordern. Ich bastle an dem individuellen Konzept, damit ich dem Kunden morgen einen entsprechenden Vorschlag machen kann.

18:15 Uhr. Der Anfang ist gemacht, das Konzept steht in groben Zügen. Die Details arbeite ich später aus. Inzwischen ist es leer in den anderen Büros geworden, ich genieße die Ruhe. Zu dieser Uhrzeit kann man gut arbeiten. Ich werfe noch einen Blick auf meine E-Mails. Kurz einmal drüber schauen, ob’s was Wichtiges gibt, ansonsten können die warten. Schließlich muss ich selbst noch glaubwürdig bleiben, wenn ich mit den Kunden über die Wichtigkeit der Work-Life-Balance spreche …

Weitere Informationen auf der avitea Internetseite …